"Falter" Nr. 12/07 vom 21.03.2007 Seite: 71

Ressort: Stadtleben

 

Christopher Wurmdobler

Im Soundgarten

 

STADTMENSCH Die Musikerin Maja Osojnik macht Alte Musik, Jazz und interpretiert slowenische Volkslieder neu. Eine Punkband hat sie auch noch.

 

Freizeit habe ich keine", sagt Maja Osojnik. Wenn sie mit ihrem Nachziehkoffer in der Stadt unterwegs ist, dann begibt sie sich auf keine Fernreise - meist geht es nur in den nächsten Proberaum oder zu einem Auftritt. Die slowenische Musikerin, die seit elf Jahren in Wien lebt, ist nämlich außerordentlich beschäftigt, an diversen

Bandprojekten beteiligt und überhaupt ständig auf Achse. Und in ihrem geräumigen Koffer transportiert sie ihr Instrumentarium: elektronische Geräte, Mischpult, CD-Player mit Scratchfunktion, Verstärker. Ihr wichtigstes Instrument hat die Dreißigjährige sowieso immer mit dabei: ihre Stimme, laut und überaus kräftig, aber immer

mit einer Spur Sehnsucht. Vielleicht macht der Musikerin deswegen auch das Weltgetöse um sie herum, Verkehr, Menschen, Baumaschinen, überhaupt nichts aus. "Begonnen hat es mit Lärm von außen", erzählt sie. Sie hatte einfach Pech mit einer sehr lauten Wohnung direkt bei einer Baustelle. Mittlerweile beginnt ihr Tag mit selbstgemachtem Morgenlärm: "Computer, Fernseher, Radio, ich arbeite im Lärm. Wenn ich komponiere, können sämtliche Maschinen rennen."

 

Geboren in der slowenischen Industriestadt Kranj, wollte Osojnik nach dem Gymnasium eigentlich Schauspiel studieren. Obwohl sie schon damals in diversen Grungebands spielte, die von amerikanischen Bands

wie Pearl Jam oder Soundgarden inspiriert waren. Ihre ältere Schwester ist Malerin, ihre Zwillingsschwester Tänzerin. "Dabei stamme ich gar nicht aus einer idyllischen Künstlerfamilie. Aber meine Eltern haben gerne gesungen und gefeiert, daher kenne ich auch die alten Volkslieder." Dass slowenische Musik in Wien eher unbeachtet wird, liegt womöglich auch daran, dass Slowenien zu nahe liegt, um als exotisch zu gelten.

 

Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, kam Osojnik mit 19 nach Wien und begann, an der Musikhochschule Blockflöte zu studieren. Ausgerechnet das Schülerfolterinstrument! Aber die Musikerin versichert, das Flötenspiel habe in Slowenien nicht "jene tragische Tradition" wie hierzulande. Bald lernt sie in Wien Jazzmusiker kennen, weil sie gute musikalische Angebote fast nie ablehnen kann und vor Ideen sprudelt, engagiert sie sich in zahlreichen Projekten.

Balkon heißt die Punkband mit eigenen Hardcorenummern,-texten und viel Spaß am Lautsein. Mit dem Low  Frequency Orchestra lotet Osojnik elektronische Klänge aus, mit der Frauenband Subshrubs freie Improvisation und Elektronik. Das Projekt Paradeiser Connection hat sich überhaupt dem Freestyle verschrieben, das Ensemble Mikado der Alten Musik. Die Gruppe hat diverse internationale Preise gewonnen und gibt auch im Ausland erfolgreich Gastspiele.

 

Aktuell konzertiert die Musikerin mit dem Maja Osojnik Quartett, dem "größten Quartett der Welt", mit oft sechs oder mehr Mitgliedern. Kürzlich präsentierte man das Album "Oblaki so rdecÇi" (Die Wolken sind rot), einer von der Kritik sehr gelobten CD mit slowenischen Volksliedern im Jazz-und Elektronikgewand, durch eigenwillige Instrumentierung verfremdet. Folk urban: Auf dem Cover sieht man Osojnik mit ländlichem Zopf hoch über den Dächern der Stadt stehen; dass die eine Hälfte ihres Kopfes punkig rasiert ist, sieht man auf dem Foto nicht.

 

Ernst sind die Volkslieder, die Maja Osojnik singt. Wenn sie bei Auftritten die oft todtraurigen Texte nicht übersetzen würde, bei all der Lebensfreude, die sie versprüht, man würde es kaum glauben. Dabei sieht sich die Musikerin keineswegs als Gute-Laune-Gogo: "Ich finde nicht, dass meine Rolle die des Cheerleaders ist. Manchmal bin ich

auch verdammt ernst." Es habe sogar schon Konzerte gegeben, bei denen das Publikum geschlossen weinte. "Mir ist wichtig, die Leute ins Herz zu treffen mit meiner Musik. Und sei es nur, indem sie sich provoziert fühlen. Doch ich liebe auch guten Humor." Osojnik schaltet nicht nur zwischen Emotionen und musikalischen Welten um, gleich

einer Schauspielerin kann sie auch Gesichter und Rollen wechseln: "Jedes Lied, das ich singe, versuche ich für mich zu visualisieren." So schlüpft sie auch beim Singen in Rollen und versucht, mit ihrer Stimme Typen zu charakterisieren.

 

Als sie zum ersten Mal nach Wien kam, empfand Osojnik die Stadt viel altmodischer und konservativer als heute. Auch wenn sie oft zu ihrer Familie nach Kranj reist, daheim ist die Musikerin mittlerweile in Wien, schätzt dessen Weite und Breite. "Ich war in New York und war davon begeistert", erzählt sie. "Alles war dort so amazing, aber

irgendwann war mir die Luft zu eng zwischen all den Wolkenkratzern. Als ich dann nach Wien zurückkam, dachte ich: Wow, du bist zu Hause. Wien hat eine gute Luft."

 

Und wohl auch den passenden Lärmpegel.