MAJA OSOJNIK

Ich bin ein „Band-Freak“

Hannes Schweiger im FreiStil März/April 2007 Ausgabe

 

Das Verhältnis Slowenien/ Österreich ist ja derzeit leider vor allem aufgrund unappetitlichen Auftretens einiger Kärntner Provinzpolitiker in Sachen Minderheitenpolitik im Gespräch.

Doch, dass andernorts ein reger, befruchtender kultureller Austausch stattfindet, der das Verbindende vor das Trennende stellt, beweist u.a. auch die seit längerem in Wien lebende und schöpferisch arbeitende junge slowenische Musikerin Maja Osojnik. Unumwunden, verbal wie klanglich, macht sie deutlich, was in ihrem Tun und Denken keinen Platz hat: Scheuklappendenken und Kleingeistigkeit. Tritt man Maja Osojnik gegenüber, wird man unmittelbar ihrer Direktheit, Herzlichkeit und Energiebündelhaftigkeit gewahr. Die Musikerin ist ein ständig sich in Bewegung befindender Kreativgeist. Eindringlich unterstrichen wird diese neugierige, eloquente Rastlosigkeit durch Osojniks niemals ziellos wirkendes Wandeln zwischen den unterschiedlichsten musikalischen Ausdrucksformen. Ihre Haltung dabei ist Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Authentizität. Eine schulische Ausbildung absolvierte sie auf der Blockflötenfamilie. In Amsterdam wie in Wien. Sie spielt in dieser Instrumentenfamilie alles, von der Diskantblockflöte bis zur Bassblockflöte. Für die Stimme, das Singen hegt die Musikerin seit frühester Kindheit eine große Leidenschaft, der sie bis heute frönt und der sie sich seit einiger Zeit intensivst widmet. Ob in einem Jazz-Mainstream Kontext wie im Maja Osojnik Quartett oder einer radikal experimentellen Form wie in Projekten wie den Ensembles Balkon, ein Kollektiv welches in seiner brachialen Musik mit Noise-Rock und Metal-Elementen arbeitet, bzw. Low Frequency Orchestra, das sich aktueller Musik an der Schnittstelle Improvisation/Komposition widmet. Dem nicht genug, ist sie auch Teil des Wiener Alte Musik-Ensembles Mikado und entwickelte mit ihrer Zwillingsschwester Vita, ihres Zeichens Choreografin, Videokünstlerin und Tänzerin, ein Multimediaprojekt.

Maja Osojnik, die sich auch im Erscheinungsbild betont non-konformistisch gibt und eine eigene Note zur Schau stellt, liebt das Überraschende, das Unvorhersehbare und scheut sich nicht Risiken einzugehen. Das verdeutlicht auch ihre musikalische Sozialisation. Aufgewachsen mit dem Volksliedgut Sloweniens, dann intensive Auseinandersetzung mit Alter Musik, als Jugendliche stark geprägt von der „Grunge“-Bewegung und weitere Erkundungen von, für sie persönlich, musikalischem Neuland.

Folgerichtig äußert sie sich gleich zu Beginn des Gespräches zum nach wie vor diskursiven Thema Improvisation: „Für mich besitzt Improvisationsmusik eine unmittelbare Direktheit. Ich führe in diesem Zusammenhang gerne das Beispiel Filmmusik an. Hier, da sie als Unterstützung des Bildes fungiert, akzeptieren die Leute all die Geräuschhaftigkeit und das experimentelle Wesen. Kaum ist das Bild weg, sind sie unangenehm berührt und verstört. Als entscheidend sehe ich, wie visuell jemand betreffend Musikhören geprägt ist. Das heißt, lässt sie/er ihre/seine Phantasie erblühen. Da stellen sich dann für mich zwei Fragen. Erstens: was hindert sie daran? zweitens: vor was haben sie Angst? Zurück zur Improvisation: also ich empfinde es als ein wunderbares Erlebnis, wenn Ereignisse in der Improvisation klar zu wirken beginnen. Demzufolge finde ich es sehr wichtig, dass sich Improvisationensembles auch genaue Konzepte und Strukturverläufe erarbeiten. Dadurch, finde ich, wird eine gemeinsame Sprache erlernt und der Materialfundus wesentlich bereichert. Durch dieses gemeinsame Erkunden erreicht man folglich auch beim Improvisieren ohne Vorgaben eine Stufe auf der man viel zwingender, tiefgreifender kommunizieren kann. Es kommt eine andere Qualität ins Spiel. Und noch eines erscheint mir wichtig, nämlich, dass ein Ensemble eine eigene Sprache entwickelt. Das unterscheidet ein eingespieltes Ensemble von einem „ad hoc“-Ensemble. Das sind Fakten, die für mich weit mehr zählen, als das Bestreben immer innovativer, überraschender sein zu müssen – was immer das heißen mag. Mit einem Improvisationsensemble intensiv zu arbeiten bevorzuge ich eindeutig gegenüber dem spontanen Musizieren mit immer neuen Leuten, was zweifelsohne auch sehr spannend ist und was ich auch hin und wieder tue. Nur, das alleine wäre mir zu wenig. Ich bin ein ´Band-Freak´. Denn, wenn mir etwas taugt, möchte ich es öfter erleben.“

 

Die Stimme, die Lieder, das Singen

„Ich lernte Lieder und das Singen so richtig bei diversen Familienfesten kennen, wo meine Eltern sangen und ich vor Begeisterung und Stolz dahinschmolz. Ich selbst habe dadurch angeregt zwar auch immer vor mich hingesungen, was mir auch ein Bedürfnis war. Aber so richtig professionell habe ich das Singen nicht weiterverfolgt. Dies hing auch damit zusammen, dass meine Stimme, so sagte man damals in der Musikschule, zu kräftig und laut sei. Ich bin heute froh, dass sie es immer noch ist. Dennoch habe ich als Jugendliche in diversen Bands gesungen, aber ohne weiterführende Ambitionen. Schauspielerin zu werden, war zu der Zeit so ein Traum.“

 

Die Blockflöte

„Doch mit dem Entschluss eine Musikerinnen-Laufbahn einzuschlagen, kam ich zur Blockflöte.“ Das ereignete sich allerdings eher zufällig. Auslösender Grund, so erzählt die Musikerin, war ihre erste Lehrerin, eine Spezialistin für Alte Musik. Beeindruckt von dieser Pädagogin und deren engagiertem Vermitteln ergab sich für Osojnik relativ schnell die Möglichkeit in einem Ensemble und Konzerte zu spielen. „Das war eine wirklich ernsthafte Angelegenheit. Wir spielten Kammermusik, Tänze etc. Jene dadurch bedingte Konfrontation und Auseinandersetzung mit Barock- und Renaissancemusik hat mich dermaßen beeindruckt und motiviert, fast noch mehr als das Instrument selbst, dass ich bei der Blockflöte geblieben bin. Ich liebe die Blockflöte nach wie vor. Aber der Gesang bietet natürlich gänzlich andere, vielschichtigere Ausdrucksmöglichkeiten. Mich reizt die Kombination aus diesen beiden Instrumenten. Folge dessen bin ich zur Stimme zurückgekehrt. Außerdem bin ich ein Mensch der vieles ausprobieren muss.“

 

Die Pluralistin

Dies widerspiegelt sich auch in der bereits erwähnten Fülle ihrer musikalischen Aktivitäten. Sich der unterschiedlichsten musikalischen Idiome zu bedienen ist für ihre Identität als Künstlerin von enormer Bedeutung, unterstreicht Maja Osojnik nachdrücklich. Nur einer Ausdrucksform Interesse zu schenken, entspricht nicht ihrer Vorstellung von musikalischem Wirken. Das Um und Auf dabei - ihre Persönlichkeit und Eigenheiten ausleben zu können.

„Eigentlich bin ich bestrebt in jedem Umfeld ich selbst zu sein. Es wird lediglich eine andere Charakteristik meiner Person betont. Ich vergleiche dieses Wandern mit einem Rollenspiel. Heute spiele ich z. B. Shakespeare morgen Brecht. Aber immer mit dem gleichen Ernst, und der selben Hingabe. Mit diesem „Rollenschlüpfen“ habe ich einen Weg für mich gefunden. Nichts desto trotz finde ich es ganz wichtig, dass man konsequent in eine Richtung forscht und wirklich ins Detail geht. Andererseits von ebensolcher Wichtigkeit ist für mich das Wechseln in eine andere Ästhetik und dort weitersuchen. Darum betreibe ich derart unterschiedliche musikalische Projekte. Das hat etwas lebenserhaltendes für mich. Zudem habe ich festgestellt, dass egal in welchem musikalischen Umfeld ich mich bewege, ich zu ähnlicher Form der Kommunikation und ähnlicher Suche nach dem Ausdruck strebe. Außerdem frage ich mich, wieso berührt mich ein Stück von Soundgarden ebenso herzzerreißend, wie ein Stück Alter Musik das ich spiele. Ergo, das Entscheidende ist, was ich mit der erzählten Geschichte mitteilen möchte und nicht die verwendeten Mittel. Mich interessieren im Grunde diese Grenzziehungen und stilistischen Schubladen nicht im Geringsten. Wenn ich ein Projekt angehe denke ich überhaupt nicht darüber nach.“

 

Alte Musik, neu interpretiert

An diesem Punkt kommt Maja Osojnik wieder auf die Alte Musik zu sprechen, mit der sie ja eine ganz prägende Erfahrungsschatz verbindet. Betreffend einer heutigen Interpretation Alter Musik hat sie eine dezidiert individuelle Auffassung und sucht mit ihren KollegInnen im Alte Musik Ensemble Mikado nach anderen Wegen.

„Erst einmal finde ich, dass Alte Musik enorm ´rockt´. Hinsichtlich der Schwierigkeit Alte Musik heute zu spielen  gibt es zu aller erst eine simple Antwort: weil es eben keine Tondokumente von damals gibt. Zweitens hat sich die Ästhetik in der Interpretation Alter Musik stark verändert. Die ersten Ensembles, die in den 1960er Jahren Alte Musik interpretiert haben, spielten was den Klang betraf, vorwiegend im klassischen Idiom, also ausgeprägte Vibrati etc. Was für mich auch einen gewissen Reiz hat. Doch die neue Bewegung der Interpretation Alten Musik auf den Spuren des Originalklanges und die damit verbundene Ästhetik, finde ich schon sehr interessant. Wiewohl es einige Aufnahmen gibt, die mir zu brav und unterkühlt klingen. Hiezu ist allerdings anzumerken, dass es ganz entscheidend ist aus welcher Schule man kommt. Mit dem Mikado Ensemble versuchen wir, diese Aufführungspraxis etwas aufzubrechen. Wir kommen z.B. alle aus der „Wiener Schule“ für Alte Musik und lernten bei einem ihrer heute wichtigsten Vertreter, Hans Maria Kneihs. Er vermittelte uns ein enormes, streng regelmentierendes Detailwissen. Für wich war dieses Wissen um die Tradition ausschlaggebend, um sie hier oder dort wieder verlassen zu können – immer unter Bedacht einer musikalischen Sinnhaftigkeit. Selbstverständlich beziehen wir uns auf das heute existierende Klangbild bei der Interpretation Alter Musik, jedoch erlauben wir uns mit dem gebührenden Respekt Arrangements, die ein ganz anderes dynamisches oder artikulationsmäßiges Spiel zulassen. Somit wirken wir vielleicht auf eine Art frischer. Die Charakteristik des Stückes darf jedoch nicht darunter leiden und von großer Bedeutung sind auch die Texte und der damit verbundene erzählende Charakter.“

 

„Oblaki so rdeci (die wolken sind rot)“, die CD

Die erste unter Maja Osojniks eigenem Namen dokumentiert das Ergebnis eines längeren Arbeitsprozesses mit ihrem Jazzquartett bestehend aus Musikern der umtriebigen Jazzwerkstatt Wien, plus Gästen auch von ebendort, in dessen Zentrum slowenische Volkslieder stehen. Lieder die von schwerer Melancholie geprägt sind, jedoch nicht resignativ wirken, sondern kritische Worte finden. Der primär vorherrschende neo-klassizistische Jazzhabitus der Musik, wird mit etlichen in diesem engen Rahmen möglichen interessanten Harmoniefortschreibungen und -umdeutungen in den Arrangements von Osojnik etwas aufgeraut. Dennoch gerät die Musik mitunter zu gefällig und manierlich und vor allem in den Soli, hätte die eine oder andere Rotzigkeit die poetische Kraft der Lieder zusätzlich belebt. Doch nun zu Maja Osojniks Sicht der Dinge: „Mein Ansinnen war es auf der CD eine erzählerische Atmosphäre zu schaffen, weshalb ich auch Field Recordings, die den experimentellen Aspekt repräsentieren und als Bindeglieder fungieren, integrierte. Die traditionelle Form habe ich gewählt, weil ich die Simplizität beibehalten wollte. Ausgegangen bin ich von den melodischen Verläufen der Lieder und habe diese in neue harmonische Gewänder gekleidet. Die eine oder andere Melodie habe ich völlig neu gestaltet. Wie gesagt, die Einfachheit und das Erzählende waren mir wichtig. Ich wollte mich nicht einer übersteigerten Dramatik hingeben. Der Jazzkontext resultiert daher, dass ich mit den Musikern die auf der CD zu hören sind, schon seit längerem ein Jazzensemble betreibe. Die Idee war, mit dieser Band slowenische Volkslieder anders zu deuten. Somit war der Jazzrahmen automatisch gegeben, aus dem ab und an doch alle wieder ausbrechen. So wie der Pianist Philipp Jagschitz z.B., der klassische Elemente aufgreift, aber auch zu Präparierungen zu bewegen war. Der Kern der Musik ist jedoch die Jazztradition. Und was die melancholische Stimmung betrifft, ist diese ein ganz wesentlicher Teil meiner Persönlichkeit, den man in der Öffentlichkeit nicht so kennt. Dieser nachdenkliche Aspekt, diese direkten Fragen wie Liebe, Tod, die ja Teil des Lebens eines jeden Menschen sind – sich mit diesen Themen intensiv zu beschäftigen finde ich unablässig. Ich leide sehr darunter einen mir nahestehenden Menschen zu verlieren, andererseits habe ich keine Angst vor dem Tod. Das erklärt meinen Hang zu traurigen Liedern.“

Da sie bereits in sehr jungen Jahren das familiäre Zuhause verlassen hatte und aufgrund von sprachlichen Barrieren sich oft in der Rolle der Außenseiterin wiederfand, markiert diese CD auch eine gewisse Heimkehr. Eine Heimkehr zu ihrer Muttersprache. Nicht daraus abgeleitet werden kann, betont die Musikerin, eine nationalistische Bindung zum Staat Slowenien. Osojnik versteht sich als Kosmopolitin. In der Auswahl der Lieder und ihrer Texte verdeutlicht sich zudem Maja Osojniks soziales Engagement und gesellschaftskritisches Denken. „Sprache ist ein eminent wichtiges Medium für mich.“

 

Maja Osojnik Quartet

„Oblaki so rdeci“

jazzwerkstatt records-jwr 02/06

Maja Osojnik (voc, recorder, electronics), Philipp Jagschitz (p), Bernd Satzinger (b), Michael Prowaznik (dr) plus guests

 

www.majaosojnik.com